Diabetes allgemein
 
    Was ist eigentlich Diabetes?

Schon den Ärzten des Altertums war eine merkwürdige Erkrankung bekannt, die sie nach dem auffallendsten Symptom definierten: "honigsüßer Urin". Wir können nur wenig appetitliche Vermutungen darüber anstellen, wie die damaligen Heilkundigen ohne jedwede Laboreinrichtung zu dieser Beschreibung kamen. Richtig erkannt haben jedoch schon die Ärzte im Alten Rom, dass diese Krankheit etwas mit Zucker zu tun haben muss.

Diabetes mellitus ist eine Stoffwechselerkrankung, die durch erhöhte Blutzuckerwerte charakterisiert ist. Die Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO spricht von einem Syndrom, also einer Gruppe von Krankheitserscheinungen, deren Grundlage eine ungenügenden Insulinproduktion oder eine mangelnde Wirkung von Insulin (oder beides) ist.

Allgemein wird zwischen zwei wesentlichen Formen des Diabetes unterschieden:
  • Typ 1-Diabetes
  • Typ 2-Diabetes
Typ 1-Diabetes
Der Typ 1-Diabetes wurde und wird vereinzelt auch noch als "juveniler" Diabetes bezeichnet, ein Ausdruck, der darauf hinweist, dass die Patienten bei Ausbruch der Krankheit bzw. bei ihrer Diagnose recht jung sind. Viele Typ 1-Diabetiker stehen zum Zeitpunkt der Diagnose im Teenager- oder im jungen Erwachsenenalter, manche sind sogar noch Kinder. Bei diesen Patienten sind die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse regelrecht zerstört, das für die Verstoffwechslung von Kohlenhydraten notwendige Enzym Insulin wird in völlig ungenügender Menge oder gar nicht produziert. Die irreversible Schädigung dieser Betazellen (die ein junger Medizinstudent namens Paul Langerhans 1868 unter dem Mikroskop entdeckte) wird nach Einschätzung von Diabetesforschern auf ein Autoimmungeschehen zurückgeführt, ein Prozeß, bei dem der Körper - stark vereinfachend gesprochen - sich fatalerweise gegen einen seiner Bestandteile (in diesem Fall die Betazellen der Bauchspeicheldrüse) wie gegen einen Fremdkörper zu wehren beginnt. Was einen solchen Autoimmunprozess auslöst, ist Gegenstand wissenschaftlicher Debatten.

Zwischen 5 und 10 Prozent aller Diabetiker leiden an Typ 1-Diabetes. In Europa ist sie in Skandinavien am häufigsten und zeigt ein leichtes Nord-Südgefälle. In manchen Populationen gibt es überhaupt keinen Typ 1-Diabetes wie z.B. bei amerikanischen Indianerstämmen und bei den Bewohnern der Inselgruppen des Südpazifik.

Der Typ 1-Diabetes erfordert die ständige Zufuhr von Insulin, sei es durch Spritzen, eine Insulinpumpe oder andere Darreichungsformen.

Typ 2-Diabetes
Typ 2-Diabetes wurde früher auch als Altersdiabetes oder "Erwachsenen-Diabetes" bezeichnet. Dieser Terminus sollte ausdrücken, dass die Betroffenen bei Ausbruch der Krankheit zumindest in mittlerem Lebensalter stehen. Inzwischen bricht diese Krankheit jedoch immer häufiger auch bei jungen Erwachsenen und sogar Kindern aus. Viele Faktoren deuten darauf hin, dass die Genetik ursächlich eine gewisse Rolle spielt, dass also Menschen mit "familiärer Belastung" eher dazu neigen, am Typ 2-Diabetes zu erkranken als jene, bei denen das Leiden in der Verwandtschaft und unter den Vorfahren überhaupt nicht aufgetreten ist. Ganz zweifelsfrei ist indes, dass das eine Rolle bei der Krankheitsentstehung spielt, was man mit dem schönen neudeutschen Ausdruck "Lifestyle" bezeichnet. Oder sollte man eher sagen: das Fehlen eines solchen? Denn zu wenig Bewegung, vor allem aber falsche und zu üppige Ernährung scheinen zu dieser Erkrankung zu prädisponieren: Je nach Statistik sind zwischen 50 und 90% der Typ 2-Diabetiker übergewichtig und dies nicht selten massiv! Ein weiterer Risikofaktor ist das Alter - je älter, desto größer ist die Chance an dem Leiden zu erkranken.

Der Typ 2-Diabetes bedarf häufig keiner Insulinzufuhr. Diät und so genannte orale Antidiabetika (Tabletten, die eine Freisetzung des Insulins aus den Betazellen der Bauchspeicheldrüse fördern) reichen - in der Theorie zumindest - aus, um den Blutzucker in den Griff zu bekommen. Doch jeder, der einmal eine Diät versucht hat, weiß wie schwer es ist, konstant Selbstdisziplin zu üben und Durchhaltevermögen angesichts eines quälenden Appetits auf exakt die falschen Nahrungsmittel zu zeigen!

Ein historischer Vergleich belegt, dass der Typ 2-Diabetes mit einiger Berechtigung als Wohlstandskrankheit angesehen werden kann: direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als in Deutschland die gesamte Bevölkerung unterernährt war und Lebensmittel nur in geringer Quantität auf Rationierungsmarken zu erhalten waren, gab es praktisch keine Typ 2-Diabetiker. Heute machen sie zwischen 90 und 95 Prozent aller Erkrankungen aus.

Sonstige Diabetesformen
Relativ selten sind jene Fälle von Diabetes, die man auch als "symptomatisch" bezeichnet, weil eine genaue Ursache bekannt ist. Hierzu gehören Entzündungen, Verletzungen oder Tumoren der Bauchspeicheldrüse sowie eine Reihe von endokrinen (hormonellen) Erkrankungen und bestimmten Syndromen. Auch einige Medikamente können für die Dauer ihrer Einnahme einen Diabetes auslösen wie zum Beispiel Cortison und Schilddrüsenhormone.

Eine weitere Form ist der Schwangerschaftsdiabetes. Bei etwa 2 bis 5 Prozent aller Schwangeren kommt es zu einer Erhöhung der Blutzuckerwerte, besonders häufig betroffen sind vergleichsweise ältere sowie übergewichtige Frauen und Angehörige ethnischer Minderheiten, z.B. Frauen afrikanischer Abstammung. Die Babys sind nicht selten größer, gleichzeitig aber auch unreifer als andere Neugeborene. Die Mütter haben ein erhöhtes Risiko, später einen manifesten Typ 2-Diabetes zu entwickeln.

Symptome und Diagnose des Diabetes
Typisch für einen nicht erkannten Diabetes ist der Gewichtsverlust und vor allem das stark erhöhte Durstgefühl des Patienten, welches mit erhöhter Harnausscheidung einhergeht. Die Diagnose wird aufgrund der Blutzuckerwerte gestellt: der Nüchternwert liegt typischerweise über 120 mg/dL, der Spontanglukosewert (also ohne vorhergehendes Fasten) bei über 180 mg/dL.


Ein wahres Volksleiden

Schätzungsweise sechs Millionen Deutsche sind Diabetiker. Bis zum 50. Lebensjahr sind Männer häufiger betroffen, in höherem Alter stellen Frauen die Mehrheit der Patienten. In der Altersklasse von 30 bis 39 Jahren sind nur 1 Prozent der Bürgerinnen und Bürger erkrankt, in der Gruppe der 70- bis 79jährigen beträgt dieser Wert über 20 Prozent.

Der Diabetes hat in den Bevölkerungen der Industriestaaten längst epidemische Proportionen angenommen. Die Stoffwechselkrankheit belastet mit all ihren Folgeleiden das Gesundheitssystem erheblich. Und eine stetige Zunahme scheint vorprogrammiert: Bis zum Jahr 2010 soll sich nach Schätzungen die Zahl der Betroffenen in Deutschland auf acht Millionen erhöht haben. Dabei handelt es sich nicht nur um alte Menschen und somit um Typ 2-Diabetiker: die Zahl der Kinder mit Diabetes Typ 1 nimmt gleichfalls zu, in Österreich beispielsweise jährlich um rund 2,5%. Und mit diesem Anstieg der Zahl der Diabetiker geht eine Zunahme der mikrovaskulären Komplikationen Hand in Hand - in der Zukunft wird es eher mehr als weniger Menschen mit drastischer Seheinbuße, wenn nicht gar Blindheit durch die diabetische Retinopathie geben.
Es sei denn, die Chance der Früherkennung und der rechtzeitigen Therapie wird entschlossener wahr genommen als bisher.